Die Bergseeformel ist tot!
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Wichtig: Sollten Sie ein Spezialist für Bühlmann-Formeln, maximale Gewebe-Toleranz-Berechnung etc. sein , dann verzeihen Sie bitte die Verallgemeinerungen., welche zum Zwecke des besseren Verständnis vorgenommen worden sind.
Um zu verstehen warum die Bergesseformel eine Gefährdung für den Taucher darstellen kann, müssen wir folgendes wissen beziehungsweise akzeptieren:
1) Ein Mensch besteht aus unterschiedlichen Geweben.
Alle heutigen Tauchcomputer rechnen mit unterschiedlichen "Kompartimenten", welches mehr oder weniger das gleiche wie "Gewebe" bedeutet.
2) Jede Art menschlichen Gewebes kann unterschiedlich viel Gas unterschiedlich schnell aufnehmen und abgeben.
3) Das Gesetz von Henry, welches stark vereinfacht bestimmt, daß umso mehr Gas in Lösung geht je höher der Druck (= Luftdruck) über der Flüssigkeit ist.
a) Das ist deswegen so wichtig, da der Mensch zu ca. 60% seines Körpergewichtes aus Wasser besteht.
b) Daraus folgt aber, wenn wir am Bergsee in 2000m Höhe nur einen Luftdruck von 0,8 bar haben, daß das im Körper gelöste Gas früher wieder heraus möchte da ihm der umgebende Luftdruck weniger Widerstand entgegensetzt.
4) Ein Hauptproblem, so weiß man in der Tauchmedizin heute sind Gasblasen. Diese zu verhindern sollte das oberste Ziel des eigenen Tauchprofils sein. Gasblasen entstehen besonders gerne bei einer großen Druckabnahme beim Tauchgang (= Aufstieg) und je schneller der Aufstieg erfolgt. Darum hat man sich schon seinerzeit entschlossen die Auftauchgeschwindigkeit zu limitieren.
Damit haben wir nun das Rüstzeug für folgendes Diagramm: Dabei wird der Aufstieg am Meer und aus einem Bergsee in 2000m Höhe aus 30m verglichen. Auf die Bergseeformel wird hier explizit nicht mehr eingegangen, bitte nehmen Sie die aus der Bergseeformel errechneten Werte als so gegeben an oder überprüfen Sie sie selbst. Es geht hier aber um die prinzipielle Richtigkeit auf Basis der Physik und menschlicher Gewebeeingenschaften.
Meer: Im Meer wären im Regelfall zwei Stops notwendig. Einmal bei 6m und ein Sicherheitsstop bei 3m. Daraus errechnet sich wie stark die Druckreduktion ist. Auch wenn heute noch ca. 50% der Ursachen aller Tauchunfälle ungeklärt sind akzeptieren wir, daß dies als sicher gilt und weltweit so praktiziert wird. Hierbei geht man davon aus, daß die schnellen Gewebe des menschlichen Körpers gerade noch hin der Lage sind, das während des Tauchganges aufgenommene Gas, so abzugeben, daß keine Gasblasen entstehen.
Bergsee mit Berseeformel: Durch die Anpassung erfolgen die Stops nunmehr bei 4,8m und 2,4m. Dadurch wird erste Aufstieg noch stärker. D.h. die Druckdifferenz wird noch größer als beim gleichen Aufstieg im Meer. Die Konsequenz: Das Gas möchte noch stärker als am Meer aus dem Gewebe heraus. Der zweite Druckunterschied zwischen 4,8m auf 2,4m ist etwas günstiger als am Meer, aber die Zeit des Aufstieges ist viel zu kurz als daß sich dieser geringe Vorteil positiv auswirken könnte. (Aufstiegszeit bei max. 10m/min: knapp 15sec., bei 5m/min doppelt so lang.). Die richtige Belastung erfolgt dann beim Austieg von 2,4m an die Oberfläche, da wir an der Oberfläche an der Luft einen reduzierten Luftdruck gegenüber Meeresniveau haben. Dieser "Gegendruck" ist derjenige, welcher versucht das Gas in Schach zu halten. (Kennen Sie den Film "Total Recall" mit Arnold Schwarzenegger, dabei gibt es gegen Ende eine Szene, in welcher Menschen plötzlich dem sehr stark reduzierten Marsgasdruck ohne Schutz ausgesetzt werden. Wie haben die Menschen im Film ausgeschaut? Richtig - sie sind plötzlich aufgequollen und das war nicht Flüssigkeit, sondern sollte das ursprünglich im Körper gelöste Gas - nun eruptiv freigesetzt - darstellen!)
Was soll die fiktive Tiefe: Die Fiktive Tiefe sollte wohl urprünglich ein Korrekturmaß sein um den Geweben mit Ihrer am Berg reduzierten Gasaufnahmekapazität entgegen zu kommen. Dieser Ansatz läßt sich nicht von der Hand weisen, läßt aber die Dynamik durch die Druckänderungen komplett außer Acht. Gefährlich ist primär die Entstehung der Gasblasen und dann deren Fahrt im Körper. Die fiktive Tiefe macht die Fehler der Bergseeformel vielleicht weniger gravierend, aber nicht weniger falsch!
Ich hoffe Sie sind nun überzeugt, daß die Benützung der Bergseeformel Ihnen schaden kann. Es gibt Alternativen und die fangen mit einer richtigen Ausbildung an, am besten dort wo es auch Bergseen gibt - nützen Sie die Chance, schon allein wegen Ihrer Gesundheit zu liebe. Tauchen ist ein zu schönes Hobby, ein zu schöner Beruf um sich durch blinden Glauben zu gefährden.
Sollten Sie Zweifel haben oder noch Fragen, so bin ich gerne bereit im Rahmen eines tauchmedizinischen Vortrages auch Ihren Club upzudaten. Individuelle Anfragen - so fürchte ich - werde ich kapazitätsmäßig kaum in vertretbarer Zeit beantworten können, da gerade bei solchen Themen, viele Anfragen kommen. Sollte es Sie aber dennoch geistig fürchterlich martern, dann melden Sie sich selbstverständlich.